Rückblick auf die 130. Deutsche Bahnmeisterschaften in Cottbus

Siegerehrung mit Calvin Dik Siegerehrung mit Calvin Dik Michael Helbig

- Berlins Jugendfahrer mit eindrucksvollen Leistungen –

Der RK Endspurt Cottbus war Ausrichter der diesjährigen Deutschen Bahnmeisterschaften, bei denen insgesamt 43 Titel vergeben wurden. Ein breit gefächertes Programm an nicht weniger als fünf Tagen für Jugendfahrer, Junioren und Elitefahrer unmittelbar nach den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro forderte nicht nur Sportler, sondern auch Offizielle, die Mitglieder der Jury und nicht zuletzt die Zuschauer, die alle noch mit den tropischen Temperaturen zu kämpfen hatten.

Auch wenn nicht alle Teilnehmer von Rio dabei waren, so war das Meldeergebnis qualitativ durchaus gut, wenngleich es in einzelnen Disziplinen quantitativ recht überschauliche Starterfelder gab. Die meisten Titel wurden bei den Männern vergeben, die in neun Disziplinen ihre Meister ermittelten. Herausragender Athlet war im Kurzzeitbereich Maximilian Levy vom Team Erdgas 2012, der den Sprint gewann und auch im Keirin seine Dominanz ausspielen konnte. Gemeinsam mit Teamkamerad Sascha Hübner und Roger Kluge von IAM Cycling für den Landesverband Brandenburg fahrend, reichte es für ihn im Teamsprint, der vom Track Team Brandenburg mit Eric Engler, Robert Förstemann und Robert Kanter gewonnen wurde, aber nur zum dritten Platz.

Während Joachim Eilers vom Chemnitzer PSV in guten 1:01,837 Minuten überlegen das 1000m Zeitfahren dominierte, war im Ausdauerbereich Marco Mathis vom rad-net ROSE Team der erfolgreichste Fahrer mit zwei Titeln in der Einer- und der Mannschaftsverfolgung. Dazu kam ein zweiter Platz im Punktefahren hinter dem überragenden Roger Kluge, den er in der Einerverfolgung im spannenden Finale mit 4:31,544 Minuten gegenüber 4:31,889 Minuten hauchdünn auf Distanz halten konnte. Mit seinen Teamkameraden Maximilian Beyer, Leif Lampater und Lucas Liss erzielte Marco Mathis in der Mannschaftsverfolgung im Duell mit dem LKT Team Brandenburg I einen neuen Bahnrekord mit 4:08,891 Minuten und holte sich den Titel, der auch für die Brandenburger Jasper Frahm, Leon Rohde, Carl Soballa und Sebastian Wotschke im Bereich des Möglichen lag. Auch sie lagen mit phantastischen 4:10,101 Minuten unter der alten Bahnrekordmarke, nachdem sich beide Teams ein erbittertes Duell geliefert hatten, in dem ständig die Führung wechselte. „Die Verletzung ist gut verheilt, aber die Form stimmt noch nicht“, meinte Leif Lampater vor dem Rennen, aber davon war dann später nichts mehr zu spüren, vielmehr fuhr sein Vierer im Finale wie ein Uhrwerk mit einer sensationellen Zeit auf dem Cottbuser Oval. Berlins Vierer mit Tobias Magdeburg und Sebastian Schmiedel vom Berliner TSC sowie Moritz Malcharek und Max Sommerfeld vom RSV Werner Otto hatte mit 4:27,159 Minuten gegen eine zweite Vertretung von LKT, die mit Marcel Franz, Max Kanter, Robert Kessler und Franz Schiewer eine Zeit von 4:19,293 Minuten fuhr, keine Chance.

Beeindruckend waren auch die guten Leistungen des großen Talents Max Kanter, der das Scratchrennen vor Lucas Liss gewann und auch im Madison mit Marcel Franz trotz eines Sturzes hinter den neuen Deutschen Meistern Nico Heßlich vom RSC Cottbus und Achim Burkart vom RSV Irschenberg rundengleich die Silbermedaille errang. Mit der höchsten Punktzahl, aber mit Rundenverlust blieb für die favorisierten Marcel Kalz und Christian Grasmann vom RSV Irschenberg nur der dritte Platz übrig, nachdem der Sturz von Maximilian Beyer und Lucas Liss bei einer Ablösung für einige Verwirrung gesorgt hatte. Der sechste Platz der Berliner Moritz Malcharek und Sebastian Schmiedel lag im Bereich des Möglichen, ebenso wie der siebte Platz von Moritz Malcharek im Scratchrennen ein Achtungserfolg war.

Bei den Frauen war Olympiasiegerin Kristina Vogel vom Team Erdgas 2012 die alles überragende Starterin, die im Sprint gegen Emma Hinze vom RSC Cottbus und gemeinsam mit dem großen Talent Pauline Grabosch vom RSC Turbine Erfurt den Teamsprint gewann. Bei dieser Siegerehrung sorgte Pauline Grabosch mit einer Hommage an Kristina Vogel für ein echtes Highlight, als sie mit äußerst netten Worten der Olympiasiegerin ein lebensgroßes Porträt mit der Aufschrift „Der Goldvogel fliegt und alle gratulieren“ überreichte. Chapeau für Pauline Grabosch!

Kristina Vogels sonstige Partnerin im Teamsprint Miriam Welte vom 1. FC Kaiserslautern holte sich den Titel in ihrer Spezialdisziplin dem 500m Zeitfahren, während Emma Hinze sich im Keirin schadlos hielt. Weitere DM-Titel holten sich Lisa Klein vom Cervelo Bigla Pro Cycling Team in der 3000m Einerverfolgung, das Team Stuttgart mit Sofie Mangertseder, Tatjana Paller, Katja Breitenfellner und Laura Süßemilch in der Mannschaftsverfolgung über 4000m, Charlotte Becker aus Berlin von Hitec Products mit einem souverän herausgefahrenen Sieg im Punktefahren und Alina Lange vom Verein Cölner Straßenfahrer, die mit ihrem Sieg im Scratchrennen erstmals Deutsche Meisterin in der Eliteklasse wurde.

Für die Junioren und Juniorinnen standen acht bzw. sieben Entscheidungen auf dem Programm und im Kurzzeitbereich waren es Carl Hinze vom Schweriner SC im Sprint und Keirin und Nik Schröter vom RSC Cottbus im 1000m Zeitfahren, die Deutsche Meister wurden. Im Teamsprint setzte Carl Hinze noch einen drauf, als er mit seinen Vereinskameraden Tilman Ribbeck und Nick Rother für den Landesverband Mecklenburg-Vorpommern erfolgreich war. Bei den Juniorinnen war im Kurzzeitbereich Pauline Grabosch das Maß aller Dinge, die die Titel im Sprint, Keirin und 500m Zeitfahren überlegen gewann und mit Emma Götz vom RV Elxleben im Teamsprint ebenfalls erfolgreich war. Mit insgesamt fünf Titeln dominierte sie diese Meisterschaften und man darf sich schon jetzt auf die weitere Karriere der Erfurterin freuen, die als Nachfolgerin von Kristina Vogel gilt.

In der Einerverfolgung der Junioren über 3000m war Felix Groß vom RSV Venusberg der überragende Athlet, der im Finale den ehemaligen Berliner Juri Hollmann vom RSC Cottbus bezwang. Letzterer holte sich aber den Titel in der Mannschaftsverfolgung über 4000m mit dem Landesverband Brandenburg zusammen mit seinen Vereinskameraden Carlos Ambrosius und Richard Banusch sowie Bastian Flicke vom PSV Forst. Für Berlins Vertretung mit Joe Grabowsky und Nick Köhler vom SC Berlin sowie Nicolas Brandt und Tarik Haupt von den Zehlendorfer Eichhörnchen blieb nur der undankbare vierte Platz übrig. Der Cottbuser Richard Banusch wurde Deutscher Meister im Punktefahren und im turbulenten Madison über 90 Runden waren der starke Rico Brückner von der RSG Muldental Grimma mit seinem kurz vor der ersten Wertung gestürzten Partner Maximilian Zschocke vom RSV Venusberg knappe Punktsieger vor Fabian Käßmann und Michel Aschenbrenner vom 1. RSV Greiz bzw. SV Sömmerda und holten sich den begehrten Titel. Großes Pech hatten Joe Grabowsky und Pepe Kunert vom SC Berlin, die gleich bei der ersten Ablösung stürzten und mit erheblichen Verletzungen das Rennen aufgeben mussten.

Überragende Teilnehmerin bei den Juniorinnen im Ausdauerbereich war Franziska Brauße vom TSV Betzingen, die die 2000m Einerverfolgung souverän vor Lea Lin Teutenberg vom FC Lexxi Speedbike gewann, wo Berlins Teilnehmerinnen Eleonora Schütz von der NRVg. Luisenstadt, Marie Wawrzinek und Luise Ollick vom SC Berlin mit den Plätzen 10, 13 und 14 vorliebnehmen mussten. Gemeinsam mit Lotta Schoenemeyer vom RSV Werner Otto gelang es ihnen aber im Kampf mit dem Landesverband Sachsen um Platz drei die Bronzemedaille in der 4000m Mannschaftsverfolgung zu sichern, während Gold und damit der Deutsche Meistertitel an die ARGE Baden- Württemberg ging, die mit Franziska Brauße, Lea Lin Teutenberg, Annika Teschke vom RV Edelweiß Merdingen und Lena Ostler von der Equipe Velo Oberland das sogenannte Mix Team mit Christin Bolesta vom RSC Cottbus, Jasmin Cunert vom RK Endspurt Cottbus, Hannah Steffen vom Genthiner RC und Vanessa Wolfram vom RSC Turbine Erfurt hinter sich ließen. Für Franziska Brauße, die auch das Punktefahren vor Lena Ostler gewann, waren es mit drei Titelgewinnen optimale Meisterschaftstage.

Calvin Dik holt bei vier Starts vier Medaillen

Für den Berliner Radsport Verband e.V. (BRV) waren die Titelkämpfe der männlichen Jugend das absolute Highlight, das vorher als solches nicht unbedingt abzusehen war. Die beiden Protagonisten hießen Calvin Dik vom RSV Werner Otto und Elias Richter vom Marzahner RC 94, die allein für sieben Medaillen sorgten. Calvin Dik wurde Deutscher Meister im Punktefahren und gewann jeweils die Silbermedaille in der Einerverfolgung, in der Mannschaftsverfolgung gemeinsam mit Elias Richter, Fabian Dreier und Maurice Ballerstedt, beide vom SC Berlin, und auch im Madison erreichte er mit Elias Richter den zweiten Platz. Der Marzahner brachte es mit seiner Bronzemedaille in der Einerverfolgung auch auf immerhin drei Medaillen, aber auch Fabian Dreier und Maurice Ballerstedt schlugen sich in Cottbus trotz ihres Pechs im Madison bravourös.

Während Calvin Dik in der 2000m Einerverfolgung dem starken Max Gehrmann vom RSC Turbine Erfurt im Finale unterlegen war, distanzierte Elias Richter seinen Gegner Roger-Rüdiger Bohla vom RK Endspurt Cottbus im Kampf um die Bronzemedaille. Mit der Bestzeit in der Qualifikation war dann Berlins Vierer für das Finale der Mannschaftsverfolgung über 3000m leicht favorisiert, aber dort drehte der Landesverband Thüringen mit Max Gehrmann, seinem Vereinskameraden Jakob Geßner, Jannis Peter vom SSV Gera und Tim Oelke vom RSV Blau-Weiß Meiningen den Spieß um und wurde mit hauchdünnem Vorsprung – einige hatten sogar die Berliner vorn gesehen – neuer Deutscher Meister. Im Punktefahren über 48 Runden war dann Calvin Dik nicht zu schlagen und holte sich den Titel, während sich der ebenfalls stark fahrende Fabian Dreier mit dem undankbaren vierten Platz zufriedengeben musste. Punktgleich mit dem Zweiten Mike Thiede vom Frankfurter RC und dem Dritten Franz Werner vom Chemnitzer PSV war der nach der fünften von acht Wertungen führende Fabian Dreier in den letzten Wertungen leer ausgegangen.

Äußerst spannend verlief der Madison-Wettbewerb mit 15 Teams, von denen am Ende u.a. auch sturzbedingt nur 11 Teams das Ziel erreichten. Großes Pech hatten die durchaus aussichtsreich im Rennen liegenden Fabian Dreier und Maurice Ballerstedt, als Letzterer schwer stürzte und sich dabei das Handgelenk brach. Die Verwirrung, die in diesem Moment beim Wertungsspurt herrschte, war vielleicht sogar ausschlaggebend im Kampf um den Sieg. Am Ende triumphierten der ehemalige Berliner Erik Vater vom RSC Cottbus und Jonas Onnecken vom PSV Forst mit 12 Punkten vor Calvin Dik und Elias Richter, die mit 11 Punkten die Silbermedaille errangen und sich knapp geschlagen geben mussten.

Im Kurzzeitbereich wurde Marius Hannack vom RSC Turbine Erfurt Deutscher Meister im Sprint, der sich auch im 500m Zeitfahren den Titel holte, wo Justin Winzer vom RC Charlottenburg als einziger Berliner Teilnehmer Platz 21 belegte. Bei der weiblichen Jugend gewann Lea Sophie Friedrich vom RST Dassow ebenfalls diese beiden Titel, wobei aus Berlin keine Fahrerin am Start war. Im Ausdauerbereich war Franziska Koch vom RSV Unna in der 2000m Einerverfolgung im Finale Katharina Hechler vom RSV Edelweiß Oberhausen klar überlegen, während Anne Sprigode vom SSV Gera vor Franziska Koch das Punktefahren dominierte. In der 3000m Mannschaftsverfolgung holte sich Anne Sprigode ihren zweiten Titel, den sie mit ihrer Vereinskameradin Lena Charlotte Reißner sowie Friederike Stern und Lisa-Marie Wolfram, beide vom RV Elxleben, für den Landesverband Thüringen gewann.

Am Ende der Mammutveranstaltung bleibt festzuhalten, dass die Cottbuser mit ihrer Crew
organisatorisch wie immer gute Arbeit geleistet haben. Der Bund Deutscher Radfahrer (BDR) aber sollte sich einmal Gedanken darüber machen, das Programm an einigen Punkten zu entzerren bzw. für einen zügigen Ablauf zu sorgen. Zu große Pausen vor den Siegerehrungen und auch zwischen den einzelnen Tagesabschnitten werden kaum dazu führen, dass mehr Zuschauer den Weg zum Radsport finden. Ebenso sind z.B. drei Vorläufe beim Punktefahren zuviel, insbesondere im Hinblick auf die doch großen Leistungsunterschiede bei den Fahrern wären hier entsprechende Qualifikationen auf Landesverbandsebene notwendig, d.h. maximal zwei Fahrer pro Landesverband und Wettbewerb sind völlig ausreichend.

Bernd Mülle

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