Training mit Syrern im Berliner Velodrom nimmt Fahrt auf

Vier Monate sind seit dem ersten Schnupperkurs im Berliner Velodrom vergangen

- Was hat sich seither getan -

Knapp 4 Monate ist es jetzt her, seit Naim, Yelmaz, Nazir und Tareek an der Pforte des Berliner Velodroms rüttelten und sagten „Wir wollen hier trainieren“.

Der Berliner Radsportverband war damals völlig überrumpelt, kurzfristig setzte der Landessportbund Berlin ein Training mit dem Weltcupsieger Maximilian Beyer an, Landestrainer Dieter Stein kramte ein paar alte Stahlrahmen aus den Katakomben hervor, spendete ein paar Hosen und Trikots seines KED Teams und los ging´s auf die ersten Runden.

Seither ist es ruhiger geworden, um das Projekt, wo sich anfangs noch Klaus Böger (Präsident des LSB) höchst persönlich vor Vertretern der Presse und laufender Kamera präsentierte. Man ist in der Realität angekommen. Frank Röglin, von der NRVg Luisenstadt hat sich der Sache angenommen und versucht wenigstens einmal pro Woche das Training mit den Jungs zu leiten.

„Einer fehlt heute“ empfängt mich Frank „der sitzt noch im Lageso“. Auch nach vier Monaten dreht sich der Alltag der Syrer immer noch vorwiegend darum, den riesigen Berg an Deutscher Bürokratie abzutragen, Aufenthaltsgenehmigungen zu verlängern Wohngelder zu beantragen und das zum Leben notwendigste zu organisieren. Dabei verbringen sie die meiste Zeit mit warten und anstehen.

Immerhin sind sie mittlerweile in einem Hostel untergekommen, wo es abgetrennte Zimmer gibt und keine riesigen Schlafsäle. Vormittags haben sie Deutschunterricht aber dennoch ist der ganze Papierkram allein kaum zu bewältigen.

Frank pflegt eine freundliche aber doch recht bestimmende Art des Umgangs mit den vier Sportlern, die anfangs etwas schroff erscheint, ihm aber letztendlich recht gibt.„Ihr müsst deutsch mit mir sprechen“ und damit hat er nicht ganz unrecht. Man tut ihnen keinen Gefallen, wenn man ihnen entgegen kommt und versucht sich halb auf englisch und halb mit Händen und Füßen zu verständigen. Um hier irgendwann einmal zurecht zu kommen, bleibt es nicht aus sie zu triezen, das im Unterricht erlernte regelmäßig anzuwenden.

Bei Nazir klappt das auch schon recht gut. „Ich bin 27 Jahre alt“ geht ihm nicht nur fast akzentfrei über die Lippen sondern fließt auch schon orthographisch korrekt aus der Feder als er seinen Namen und sein Alter notiert.

Die guten alten Stahlrahmen sind immer noch die gleichen, der ein oder andere deutlich zu klein aber besser als nichts. „Wir haben uns in den letzten Wochen noch ein paar Radschuhe zusammengeborgt, so dass wir bis auf einer schon fast professionell ausgerüstet sind“ scherzt Frank. „Bei dem habe ich immer noch ein bisschen Angst, dass er mit dem Turnschuh mal aus der Bügelpedale rutscht und sich lang macht.Die fahren sich jetzt erst einmal ein bisschen warm, anschließend ist Training hinterm Derny angesagt.“

Schnell reihen sich die vier Jungs in den 10köpfigen Luisenstädter Zug ein und Frank zieht das Tempo mit dem Derny auf 45 km/h hoch. Eleonora Schütz, das sportliche Aushängeschild des Berliner Traditionsvereins im Nationalmannschaftstrikot, in dessen Kader sie kürzlich berufen wurde, vorne weg. Der Zug läuft und Frank beschleunigt das Tempo auf 50 km/h. Jetzt muss der ein oder andere doch reißen lassen nur Yelmaz, mit 30 Jahren der älteste schafft es, das Hinterrad zu halten und bis zum Schluss der Trainingseinheit dabei zu bleiben. Er ist schon viele Rennen und Rundfahrten auf der Straße gefahren, war in der Syrischen Nationalmannschaft, doch die längere Trainingspause, bedingt durch die Auf- und Abbauarbeiten zum 105. Berliner Sechstagerennen zehrte auch an seiner Kondition.

In der zehnminütigen Pause geht Frank Röglin sich einen Kaffee holen, die Sportler philosophieren ob die Kette richtig gespannt und die Übersetzung Ok ist.

Frank kommt zurück und sie fragen ihn wie schnell er gefahren ist.

Auch wenn es so scheint, dass ein bisschen Regelmäßigkeit und Kontinuität in das Projekt gekommen ist, viele symptomatische Probleme mit der die gesamte Gesellschaft bei der Integration und Aufnahme der Flüchtlinge derzeit zu kämpfen hat, bleiben nicht verborgen.

„Der Wust an Bürokratie, den nicht nur die Syrer sondern auch die Vereine zu bewältigen haben ist enorm und das schreckt letztendlich viele Vereine ab, Flüchtlinge aufzunehmen und zu integrieren. Es gibt von den Behörden, dem BDR und dem LSB keine konkreten Ansagen wie es aussieht mit Versicherungsschutz, Haftpflicht, Lizenzfragen, Ausrüstung und Material. Auch vom Berliner Radsportverband ist bislang keine nennenswerte Unterstützung gekommen. Man ist angewiesen auf einige wenige Einzelpersonen, die bereit sind zu helfen und etwas zu tun“ so Frank Röglin.

Bevor er sein knatterndes Derny für die zweite Trainingseinheit startet vereinbart er den nächsten Trainingstermin für die kommende Woche.

Es mag einem als Außenstehender so vorkommen, als wenn das Ganze nur ein Tropfen auf den heißen Stein ist, doch gerade dieser Tropfen ist für die Sportler enorm wichtig einen Platz in unserer Gesellschaft, Halt und eine Orientierung zu finden. Gerade in einer Zeit, wo der Weg, auf dem man entscheidend voran kommen könnte verbaut und unbegehbar scheint, ist es wichtig, dass einer den Weg der kleinen Schritte stetig voran schreitet. An dieser Stelle, Danke Frank Röglin für Dein Engagement!

Letzte Änderung am Dienstag, 12 April 2016 08:50
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